"Es gibt immer einen Weg"
Ein Gespräch mit Anke Teschner zum Beginn ihrer Altersteilzeit
Wenn man Anke Teschner treffen möchte, würde man sie eigentlich im Wohnhaus Kuehnstraße erwarten, wo sie seit vielen Jahren arbeitet. Doch als wir uns zum Gespräch verabreden, unterstützt sie gerade das Team im Wohnhaus Saseler Weg, wo sie die Abrechnung macht. Eigentlich ist das bezeichnend für ihren Weg bei HLW Leben und Wohnen: anpacken, unterstützen, da sein, wo man gebraucht wird – und dabei immer das Ganze im Blick behalten.
Seit 1993 gehört Anke Teschner zu HLW Leben und Wohnen, damals noch Hamburger Lebenshilfewerk. In dieser Zeit hat sie verschiedene Rollen übernommen und Veränderungen begleitet. Sie hat miterlebt, wie sich die Eingliederungshilfe verändert hat und wie sich aus vielen einzelnen Häusern immer stärker ein gemeinsames Unternehmen entwickelt hat.
Mit dem Beginn ihrer Altersteilzeit ist jetzt ein guter Anlass, zurückzublicken. Auf mehr als drei Jahrzehnte in der Eingliederungshilfe, auf Erfahrungen, die sie geprägt haben, und auf die Frage, was gute Führung eigentlich ausmacht.
Anke, erinnerst du dich noch an deinen Einstieg?
Ja, darin erinnere ich mich gut. Ich bin gelernte Kinderkrankenschwester und habe vorher schon lange außerhalb des Krankenhauses gearbeitet, unter anderem mit Menschen mit Demenz im eigenen Wohnraum. Irgendwann habe ich eine Anzeige vom Hamburger Lebenshilfewerk gesehen. Also bin ich einfach zur Kuehnstraße gefahren, habe geklingelt und gesagt: „Ich würde gern hier arbeiten.“
Mit der damaligen Leitung habe ich erst einmal zwei Stunden Kaffee getrunken. Wir waren uns schnell einig und ich habe mich gefreut, im Wohnhaus eine Stelle als Assistenzkraft zu bekommen.
Daraus sind dann mehr als 30 Jahre geworden…
Was hat die Kuehnstraße damals ausgemacht?
Es war ein sehr familiäres Miteinander. Nicht nur die Kolleginnen und Kollegen gehörten dazu, sondern irgendwie auch deren Familien. Meine eigenen Kinder sind praktisch in der Kuehnstraße mit groß geworden.
Auch bei anderen war das so. Es gab Kollegen, deren Partner mitgekocht haben, Hunde gehörten dazu, vieles war eng miteinander verbunden. Das hatte nie etwas Distanzloses oder Unprofessionelles. Es war einfach eine große Verbundenheit.
Natürlich hat sich das im Laufe der Jahre verändert. Teams verändern sich, Anforderungen verändern sich. Aber dieses Gefühl von Verantwortung füreinander und die enge Verbindung zu den Menschen, die hier leben, ist geblieben.
Du hast später die Leitung übernommen. War das von Anfang an dein Plan?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe nebenberuflich eine Weiterbildung im Sozialmanagement gemacht. Als meine damalige Leitung 2014 in den ambulanten Dienst wechselte, hat mein Mann irgendwann gesagt: „Wenn du Leitung machen möchtest, dann jetzt.“
Ich war damals sehr unsicher. Leitung im eigenen Haus und im eigenen Team… ich konnte mir den Rollenwechsel zunächst schwer vorstellen.
Was hat sich durch den Rollenwechsel verändert?
Ich habe unglaublich viel dazu gelernt. Ich habe zahlreiche Fortbildungen gemacht, unter anderem in Personalmanagement, Betriebswirtschaft und Change Management. Das hat mir sehr geholfen, in die neue Rolle zu finden. Denn plötzlich hatte ich Themen auf dem Tisch, mit denen ich vorher kaum Berührungspunkte hatte. Es macht die HLW aus, dass viel Wert auf die professionelle Entwicklung der Leitungskräfte gelegt wird.
Ich habe zunächst versucht, möglichst wenig zu verändern. Ein ganzes Jahr lang habe ich mich bewusst zurückgenommen. Irgendwann habe ich gemerkt: Das funktioniert gar nicht. Ich bin ein anderer Mensch als mein Vorgänger und bringe natürlich andere Dinge mit. So habe ich nach und nach meinen eigenen Weg gefunden.
Was hast du über Führung gelernt?
Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse war, dass Führung keine Einzelleistung ist. Vorher hatte ich immer die Vorstellung, Leitungskräfte müssten innovativ sein, Ideen entwickeln und Antworten auf alles haben. Ich dachte, das müsse man alleine schaffen.
Und dann habe ich erlebt, wie viel im Miteinander entsteht. In unserem Leitungskreis werden Ideen entwickelt, Probleme besprochen und Erfahrungen geteilt. Dort habe ich gelernt, dass man sich gegenseitig unterstützt und voneinander profitiert. Niemand muss alles alleine wissen. Das hat mir immer sehr geholfen.
Welche Bedeutung hat dieses Miteinander für HLW Leben und Wohnen?
Eine sehr große. Ich glaube, das zeichnet unser Unternehmen aus. Wir sind groß genug, um in der Eingliederungshilfe eine wichtige Rolle zu spielen. Gleichzeitig sind wir aber klein genug, um nah an den Menschen und an den Standorten zu bleiben.
Für mich waren immer zwei Dinge gleich wichtig: der eigene Standort und das Unternehmen als Ganzes.
Gerade in den vergangenen Jahren ist das gemeinsame Arbeiten noch stärker geworden. Es gibt Klausurtagungen, Arbeitsgruppen, gemeinsame Schwerpunktsetzungen und eine intensive Führungskräfteentwicklung. Vieles wird heute gemeinsam entwickelt. Ich empfinde das als großen Gewinn.
Besonders wichtig finde ich unsere Kultur des Austauschs. Es gibt feste Termine für kollegiale Beratung. Wir nutzen unsere „Schwarmintelligenz“, wie eine Kollegin immer sagt.
Denn als Leitung steht man häufig allein. Umso wichtiger ist es, Menschen zu haben, mit denen man offen sprechen kann. Ich hoffe sehr, dass das erhalten bleibt.
Du hast zwischendurch immer mal gewechselt und ausgeholfen, wenn Unterstützung gebraucht wurde. Was hat dich daran gereizt?
Ich mochte Herausforderungen immer. Ich war mehrfach kommissarisch tätig und bin 2019 in den Auschläger Elbdeich gewechselt. Dort wurde eine Leitung gebraucht, die das Unternehmen gut kennt. Fünf Jahre habe ich dort gearbeitet, bis die Bewohnerinnen und Bewohner in die Billhorner Kanalstraße gezogen sind.
Danach bin ich wieder in die Kuehnstraße zurückgekehrt.
Das war spannend, denn natürlich war vieles anders geworden. Andere Menschen, andere Arbeitsweisen. Und trotzdem war da immer noch etwas, das ich die „Kuehnstraßen-DNA“ nennen würde: eine hohe Identifikation mit dem Haus. Ein großes Verantwortungsgefühl. Und Mitarbeitende, die nicht nur Probleme benennen, sondern selbst Ideen entwickeln und Dinge gestalten wollen. Das ist etwas sehr inspirierendes.
Kann man auch von einer HLW-DNA sprechen?
Ja, das glaube ich. Ich schätze sehr, dass die Bereichsleitungen und die Geschäftsführung wissen, was in den Häusern passiert. Wir entwickeln gemeinsame Standards und arbeiten kontinuierlich an unserem Führungsverständnis und an unserer Haltung.
Es geht dabei nicht nur um Prozesse oder Strukturen, sondern immer auch um die Frage: Wie wollen wir mit Menschen umgehen? Mit den Menschen, die bei uns leben. Mit Angehörigen. Mit Mitarbeitenden. Wir wollen kein Gegeneinander. Wir wollen voneinander profitieren und uns gegenseitig wertschätzen.
Was hat dich fachlich am meisten geprägt?
Ganz klar das personenzentrierte Denken und Handeln. Vor über zwanzig Jahren haben wir die ersten Fortbildungen dazu gemacht. Das war für mich mit einigen AHA-Erlebnissen verbunden. In der Kuehnstraße lebt eine Frau, die eine ganz eigene Sprache entwickelt hat. Gemeinsam mit ihr haben wir damals ein Wörterbuch erstellt. Wir haben ihre Wörter gesammelt und gemeinsam entschlüsselt.
Bis dahin war oft die Erwartung gewesen, dass sie uns verstehen müsse. Plötzlich haben wir die Perspektive verändert und gesagt: Nein, wir bemühen uns darum, sie zu verstehen. Das hat unglaublich viel verändert: neue Mitarbeitende lernen bis heute ihre Sprache. Und dadurch hat sich auch ihr Leben verändert. Sie wurde verstanden, konnte sich mitteilen und fühlte sich gesehen.
Das war für mich damals ein Schlüsselerlebnis.
Ist Personenzentrierung dadurch in der Kuehnstraße richtig angekommen?
Ja. Dadurch wurde noch deutlicher, dass wir immer wieder den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellen müssen. Im Wohnhaus Kuehnstraße leben zehn Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Allgemeingültige Regeln sind oft für uns Mitarbeitende einfacher, aber sie werden den Menschen nicht immer gerecht.
Für uns ist es ein Arbeitsplatz. Für die Menschen, die dort leben, ist es ihr Zuhause und ihr Leben.
Wir kommen schnell in die Haltung, etwas für Menschen entwickeln zu wollen. Aber unser Auftrag ist eigentlich ein anderer: herauszufinden, was die Menschen selbst wollen und was ihnen wichtig ist.
Was würdest du jungen Führungskräften mit auf den Weg geben?
Dass es immer einen Weg gibt. Manchmal findet man ihn nur noch nicht. Gerade schwierige Themen brauchen Zeit. Die Dinge, die einen emotional beschäftigen oder schlaflose Nächte bereiten, sollte man nicht vorschnell entscheiden.
Und: man muss reden. Austausch ist wichtig.
Außerdem habe ich gelernt, dass man sich nicht zu sehr vom Negativen die Energie nehmen lassen darf. Natürlich gibt es Probleme. Aber wenn wir nur darauf schauen, fehlt uns die Kraft, das Gute weiterzuentwickeln.
Vieles braucht Zeit. Und vieles löst sich auch mit der Zeit.
Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Fällt dir das Loslassen schwer?
Nein, eigentlich nicht.
Gut, der Dachboden in der Kuehnstraße ist immer noch nicht aufgeräumt. Der war es allerdings in den vergangenen vierzig Jahren auch nicht. Vielleicht wird das irgendwann mein Ehrenamtsprojekt. (lacht)
Ich freue mich vor allem darauf, frei zu sein. Keine Termine, keine Verpflichtungen. Einfach herauszufinden, was mich interessiert und welche neuen Herausforderungen auf mich warten.
Was mir fehlen wird, ist der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen. Besonders mit den anderen Leitungskräften. Da ist über die Jahre ein sehr vertrauensvoller und enger Austausch entstanden.
Aber ich weiß auch: Ich brauche Herausforderungen. Vielleicht wird es ein Fotoworkshop. Vielleicht ein Kochkurs. Vielleicht etwas ganz Anderes.
Und wer weiß – für die eine oder andere Radtour mit Klientinnen und Klienten wird sicher auch noch Zeit sein.
Eines steht für Anke Teschner jedenfalls fest: Herausforderungen haben sie ihr ganzes Berufsleben begleitet. Und die Neugier darauf, Neues zu entdecken, scheint mit dem Beginn der Altersteilzeit keineswegs zu enden. Wir wünschen ihr alles Beste in diesem neuen Lebensabschnitt und sagen DANKE!